Die Klassiker sind zurück
Manchmal braucht es keine spektakuläre Neuerfindung. Ein guter Drink, ein paar Eiswürfel, frische Limette – und plötzlich ist die Bar wieder voller Klassiker. Daiquiri, Margarita, Negroni, Old Fashioned oder Whiskey Sour feiern derzeit eine kleine Renaissance. Nicht als angestaubte Relikte aus dem Cocktaillexikon, sondern als Drinks, die wieder mit großer Sorgfalt zubereitet werden. Gute Spirituosen, frische Säfte, selbst gemachte Sirups und Bitters ersetzen die beliebige Mixerei vergangener Jahrzehnte.

Die Rückbesinnung auf klassische Rezepturen geht dabei mit Experimentierfreude einher: Bekannte Drinks bekommen neue Aromen, regionale Zutaten oder eine moderne, leichtere Interpretation. Die Cocktailwelt setzt zunehmend auf Qualität und Handwerk – und zugleich auf bewussteren Genuss. Der Daiquiri ist dafür ein perfektes Beispiel. Seinen Namen verdankt der Rum-Klassiker dem Ort Daiquirí nahe Santiago de Cuba. Entstanden sein soll er Ende des 19. Jahrhunderts in Kuba; die genaue Urheberschaft ist allerdings ebenso wenig eindeutig dokumentiert wie bei vielen anderen Cocktailklassikern.
Sicher ist: In Havanna machte die Bar El Floridita den Drink berühmt. Dort mixte Barkeeper Constantino Ribalaigua Vert seine Version aus weißem Rum, Limettensaft und Zucker – später auch gefroren.
Von Kuba nach Hollywood
Zum berühmtesten Fan des Daiquiri wurde Ernest Hemingway. Der Schriftsteller bestellte seinen Cocktaiö weniger süß und mit deutlich mehr Rum.

Daraus entstand der „Papa Doble“, später auch als Hemingway Daiquiri beziehungsweise Hemingway Special bekannt – mit Grapefruit und Maraschino. Auch die Margarita hat eine bewegte, allerdings weniger eindeutig belegte Geschichte. Fest steht, dass sie in den 1940er-Jahren an der Grenze zwischen Kalifornien und Mexiko populär wurde: Tequila, Limettensaft und Orangenlikör, dazu der charakteristische Salzrand. Wer sie erfunden hat, darüber kursieren mehrere Geschichten – vom Barkeeper in Tijuana bis zur texanischen Gesellschaftsdame Margarita Sames. Ihren Siegeszug trat die Margarita später auch in der Frozen-Variante an. 1971 erfand der Restaurantbesitzer Mariano Martinez in Dallas eine Maschine, die den Drink zuverlässig als eisgekühlten Slush servierte.
Klassisch, aber bitte ohne Alkohol

Zur Renaissance gehört allerdings noch etwas anderes: Der klassische Cocktail muss heute nicht zwangsläufig Alkohol enthalten. Einer der berühmtesten Vorläufer des modernen Mocktails ist der Shirley Temple:
Ginger Ale, Grenadine und Cocktailkirsche, benannt nach dem amerikanischen Kinderstar der 1930er-Jahre. Mit großer Cocktailkunst hatte das süße Getränk noch wenig zu tun – doch die Idee war wegweisend: ein festlicher Drink im Cocktailglas, nur eben ohne Alkohol.
Heute geht das deutlich raffinierter. Eine alkoholfreie Margarita kann Limette, Agavensirup, Orange und eine Prise Salz verbinden; Tonic oder alkoholfreie Agavenspirituosen sorgen für Struktur. Aus dem Daiquiri wird mit Limette, Zucker, Grapefruit und alkoholfreiem Rum ein frischer Sour. Entscheidend ist nicht, Alkohol möglichst perfekt zu imitieren, sondern einen Drink zu bauen, der auch ohne Promille interessant bleibt. Cheers!
Text: Eike Birck
Foto: iStock.com/philipphoto, privat